Die Ründi prägt das Berner Bauernhaus: als Wetterschutz und kunstvoller Bildträger – das Beispiel aus Rüegsau im Emmental zeigt ihre Vielfalt zwischen bäuerlicher Idylle und barocker Erzählkunst.

Die Ründi gehört zu den typischen Merkmalen des Berner Bauernhauses. Dieser verschalte Bogen unter dem Dachansatz entstand vor allem in feuchten Holzbaugebieten: Er schützte die vorstehende Dach konstruktion und die mehrgeschossigen Giebelfassaden vor Wind und Funkenflug und gab der Fassade zugleich einen repräsentativen, gewölbeartigen Abschluss.
Viele Bauernhäuser des Mittellands besassen bis ins 18. Jahrhundert sogenannte Vollwalmdächer. Mit dem wachsenden Wunsch nach Raum, Licht, Komfort und Repräsentation wurde der Walm – die dreieckige Dachfläche der Hausfront – verkleinert zum sogenannten Gerschild. Bei solchen Fassaden konnte der Dachüberstand dann mit der Ründi verschalt werden. Das Motiv taucht zuerst bei herrschaftlichen Bauten auf und fand als auszeichnendes Element Eingang in die Architektur der Bauernhäuser.
Von Anfang an wurde die Ründi für Malereien genutzt. Hier finden sich in grosser Zahl Ornamente, Wappen, Sprüche oder figürliche Darstellungen – von biblischen Szenen bis zu Allegorien der Jahres zeiten. Ein eindrückliches Beispiel wurde 2024 in Rüegsau im Emmental restauriert: ein Ständerbau von 1759 mit repräsentativem Quergiebel. Auf der Ründiuntersicht entfaltet sich eine farbige Bildwelt: Unter einem Himmel mit Sonne, Mond und Vögeln liegt eine idyllische Landschaft. Ein Mann fischt am Ufer, eine Frau füllt einen Krug – Sinnbilder von Arbeit und Versorgung. Zwei Trompe-l’œil-Gemälde, also illusionistische Malerei, zeigen an der Giebelwand Figuren, die nachdenklich aus einem Fenster auf die symbolgeladene Umgebung blicken. Die Ründifront zeigt links Wilhelm Tell mit seinem Sohn Walther, eine zentrale Darstellung des Schweizer Gründungsmythos und vermutlich später ergänzt. Zusammen mit der weiten Natur und dem Himmel darüber vermittelt die originale Malerei ein Idealbild bäuerlichen Lebens: Unter Gottes Himmel lebt die Familie von ehrlicher Arbeit, im Frieden und im Einklang mit der Natur.
Die Ründi gehört zu den typischen Merkmalen des Berner Bauernhauses. Sie wurde von Anfang an für Malereien genutzt (Foto: Hans Salzmann).
Die Ründimalerei zeigt die Vielfalt zwischen bäuerlicher Idylle und barocker Erzählkunst (Foto: Roland Juker).
Sonne, Mond und Vögel zieren den Ründihimmel (Foto: Hans Salzmann).
Zwei Trompe-l’œil-Gemälde zeigen Figuren, die nachdenklich aus einem Fenster auf die symbolgeladene Umgebung blicken (Foto: Hans Salzmann).
Am Ständerbau von 1759 in Rüegsau im Emmental findet sich ein eindrückliches Beispiel des traditionellen Ründi-Dekors (Foto: Roland Juker).
Text: Josephine Eigner
Fotos: Hans Salzmann und Roland Juker
Fachwerk 2026